Evangelisch-Lutherisches

Kirchspiel Geithainer Land


Neumärker Flur - Entstehen und Werden der Stadt Geithain

Graf Dedo V. von Groitzsch-RochlitzSeit den hier vorgestellten Veröffentlichungen von Dr. Wolfgang Reuter hat er in den letzten Jahren seine stadtgeschichtlichen Forschungen fortgesetzt, auch angeregt und begleitet von Professor Dr. Karlheinz Blaschke. Es standen nun zur Erkenntnisfindung alte topographische Karten, die sog. Croquis, zur Verfügung, welche ab etwa 1837 auf Veranlassung der Landesregierung von Geometern (Vermessungsfachleuten) mit Hilfe der Triangulation erstellt wurden. Nicht nur die Geithainer Areale in und außerhalb der Stadt waren wesentlich für die Analyse, sondern auch die der benachbarten Orte.

Parallel hierzu fanden die Geithainer Grundbücher des Jahres 1837-40 Auswertung, denn sie enthalten die Lehnspflichten, die auf jedem Areal – sowohl dem Hausgrundstück, als auch dem Feldgrundstück – lagen, seit der Zeit, als sie vom Lehnsherrn vergeben worden waren. Einige von ihnen sind älter als die später eingeführte Geldwirtschaft, denn die Lehnsmannen mußten anfangs Naturalien abliefern.

Die anschließenden Einzelberichte enthalten die neuen Erkenntnisse der Forschung von Dr. Wolfgang Reuter. Sie sind nach Ereignissen alphabetisch geordnet.

 

Altdorf mit der Kaufmannssiedlung

In der Urkunde von 1209 wird zur Lokalisierung der Name „in veteri villa“ (im alten Dorf) verwendet. Es handelt sich um eine kleine Ortsflur, westlich an Geithain angrenzend. Sämtliche umliegende Dörfer tragen einen Personennamen: entweder des Dorfgründers – so Gräfenhain, oder des Bauermeisters – so Narsdorf (Dorf des Nordwin). Damit wird deutlich, daß Altdorf keine Gründung der Kolonisatoren der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts gewesen ist, sondern der Ort, an dem die Kaufleute gesiedelt hatten. Das wird nach 1125 geschehen sein, weil unter König Lothar auch andere Nachweise solcher Siedlungsaktivitäten überliefert sind. Die Kaufleute, die an den König ein Schutzgeld zahlten, ließen sich auch hier nieder, wie im mitteleuropäischen Raum an über 70 Orten nachgewiesen, nämlich an einer Kreuzung von Fernhandelswegen, es sind oft nur Saumpfade, so einmal von der Burg Altenburg bis zur Burg Rochlitz und zweitens von Lausick-Colditz im Norden über Penig und Rochsburg nach Chemnitz im Süden. Auf der darüber gelegenen Anhöhe bauten diese Altdorfer Kaufleute ihre Holzkirche, dem Hl. Nikolaus geweiht. Aus dem alten Grundbuch ergibt sich, daß erhöht auf jeder Seite des Eula-Baches auf je einem Grundstück diese beiden Kaufmannsfamilien zu finden sind. 

Das später Altdorfer Feldflur genannte Gebiet gehörte ursprünglich zu dem großen Bezirk, den Graf Dedo für Geithain umgrenzen ließ, denn die Kaufleute betrieben keinen Ackerbau. Und nach 1160 wurden hier die eingewanderten Bauern in neu angelegten Dörfern seßhaft. Dem Hospital mit Jakobskirche wurden 1209 über zwei Drittel dieses Ackerlandes übertragen, während die späteren Insassen von Altdorf (Gärtner, Häusler), abgesehen vom gemeinsamen Weideland als genossenschaftlichem Gemeinbesitz, keine Feldfluren besaßen. Das übrige Drittel der Altdorfer Feldflur verblieb beim Landesherrn, bis es der Stadt Geithain übertragen wurde.

 

Die Marienkirche auf dem Neumarkt

Dorf oder Markt? Wie für andere Orte ebenfalls festgestellt, so z.B. für den benachbarten Ort   Lausick, wurde neben der Wehranlage eine christliche Burgkapelle errichtet. Noch vor 1144 (ihrem Todesjahr) ließ Berta, genannt Gräfin von Morungen, Tochter des Grafen Wiprecht von Groitzsch, ein steinernes Kirchengebäude erbauen und der Hl. Maria weihen. Sie hat dies nachweislich auch an anderen Orten getan. Und die Kunsthistoriker ordnen den Bau des heutigen, quadratischen Mittelteils dieser Marienkirche in das zweite Viertel des 12. Jahrhunderts. Vor 1423 wird St.Marien zur Wallfahrtskirche „außerhalb der Mauern der Stadt Gytan“, was dann mehrere päpstliche Ablaßbriefe bestätigen.

 

Die Marktort-Gründung

Graf Dedo von Groitzsch-Rochlitz fand eine Burgsiedlung (Suburbium) und eine Kaufmannssiedlung vor, was ihn veranlaßte, kolonisatorisch tätig zu werden, wie sein Vetter, der Erzbischof von Magdeburg. Es gab hier vergleichbare Verhältnisse wie in Lausick: neben der Burg die Kirche und daneben die Burgsiedlung. Der scheinbar geminderte Wert der späteren Gemarkung Geithain, jetzt noch durch Wald, Weidengehölz und Sümpfe unwirtlich, hielt Dedo davon nicht ab, den Geländerücken zwischen den beiden, durch Talauen getrennten Hochflächen zum Marktort herzurichten. Die Anlage eines Dorfes schied aus infolge der örtlichen, natürlichen Verhältnisse. Zur Verwirklichung seines Vorhabens kam Graf Dedo seine starke Persönlichkeit, die politischen und wirtschaftlichen Umstände der Zeit - Ausbau der eigenen Landesherrschaft mittels Gründung von Dörfern, Marktorten oder Städten - und das Vorfinden derjenigen Gebiete in seiner Grafschaft zugute, die noch nicht urbar gemacht waren.

Nach Rodung, Arrondierung und Aufteilung des Geländes auf dem Höhenrücken hat Graf Dedo  durch dreifach belegte Entscheidungen das Marktrecht für Geithain begründet. Erstens die Wurfzinsabgabe nicht nur für die Hausgrundstücke innerhalb der Befestigung, sondern auch für die Haus- und Hofgrundstücke auf dem Neumarkt. Sie betrug je nach Größe des Areals 6 oder 12 Pfennige als Grundsteuer. Damit wird ersichtlich, daß Graf Dedo für Geithain auch die Geldwirtschaft einführte, die durch Münzstätten der weiteren Umgebung bereits vorhanden war: Altenburg und Saalfeld bzw. der Magdeburger Pfennig; 1170 begann Freiberg zu münzen. Damit war den Bürgern das Recht übertragen, Grundeigentum in der Stadt frei zu erwerben und zu veräußern (Erbleihe).

Zweitens erhielten die neuen Bewohner Geithains, also sowohl die Kaufleute aus Altdorf als auch die Neusiedler in der Innenstadt einschl. der Bewohner des Neumarkts, das Marktrecht nach Magdeburger Vorbild verliehen. Es ist sogar wegen seiner geringen Gebühr von ursprünglich 2 Schilling, später 20 Groschen nachgewiesen. Zu den Rechten und Pflichten der Bewohner gehörte der freie Zu- und Wegzug, die Pflicht der Befestigung des Ortes, Befreiung von einer Zollgebühr (erst später wurde der Stadt die Zollerhebung gewährt), und drittens die Gerichtsbarkeit bei Mitwirkung von eigenen Schöffen unter einem Vogt, der auch das  Recht der Verwaltung des Ortes besitzt.

Dies alles war eingerichtet und wirksam, als Graf Dedo 1190 verstarb. Und im Jahre 1209, unter der Herrschaft seines Sohnes Konrad, war Geithain eine befestigte Rechtsstadt. Freilich fehlte ihr noch das Recht der Selbstverwaltung ebenso wie der Wahl des Bürgermeisters (Ende 1334 den Bürgern gewährt). Wochenmärkte wurden abgehalten als wesentliche Aufgabe des Ortes und vor oder nach 1209 ein Jahrmarkt Ende Juni eingeführt, so daß 1257 von einer Marktkirche gesprochen wird, als die Katharinenkirche geweiht war.

Der Marktort Geithain, ein Straßenmarkt, wurde vom Stadtherrn nicht mit Feldgrundstücken belehnt. Graf Dedo wollte keine Ackerbürgerstadt oder ein befestigtes Dorf mit Marktrecht gründen (auch das finden wir in dieser Zeit). Denn bis zum Ende der Lehnsherrschaft hatte die Stadt fast keinen eigenen Grundbesitz auf der Feldgemarkung. Und die erste schriftliche Nachricht über Felderwerb durch Geithainer Bürger aus dem Jahr 1357 zeigt, daß auch der Burggraf von Leisnig Lehnsherr von hiesigen Hufen war, neben dem Markgrafen von Meißen.

 

Schnitt der Höhenlagen Geithains

Die topografische Lage des Marktortes Geithain, umgeben von Sümpfen und Teichen, ohne direkten Zugang zum Umland. Eine Waldhufendorf ließ sich bei diesen Naturverhältnissen nicht anlegen, weshalb Dedo dieses Stück Land unbebaut vorfand.

Zeichnung Neumärker Flur

Am höchsten Punkt ein Gebäude, das als Dreiseithof auf dem Sächsischen Meilenblatt (s.o.) erkennbar ist. Das Grundstück war anfangs von Lasten befreit, wurde aber nach Errichtung des Marktortes wurfzinspflichtig. Auch aus anderen Quellen folgt die Annahme, daß auf diesem Grund die Wehranlage, eine kleine Burg zu lokalisieren ist. Um 1180 wurde in der Nordostecke des Marktortes ein Freihof für den Vogt bzw. Schultheiß errichtet, weshalb sein alter Standort in der Burg aufgehoben wurde.

 

Der Neumarkt

Diese Bezeichnung für einen Ortsteil Geithains hat immer wieder dazu Anlaß gegeben, in alter Zeit außerhalb der Ringmauer einen Wochenmarkt anzunehmen. In Wahrheit ist diese Bezeichnung eine Verballhornung des Wortes „Neue Mark“. In dem alten Geithainer Stadtplan von 1670 finden wir an der östlichen Peripherie einen noch unbebautenPlatz, „Plan“ genannt. Hier wird in der Anfangszeit der Wochenmarkt abgehalten worden sein, nämlich an einem Ort, der direkt an dem Weg von oder zur Marienkirche liegt, also an dem alten Handelsweg. Und links und rechts dieses heute Marienstraße genannten Weges befindet sich das Gelände des Neumarkts.

Noch 1908 wurde kartographisch die Feldflur nördlich des Neumarkt als „Neumärker Flur“ ausgewiesen. 1513 werden die Bürger östlich vorm Obertor als wohnhaft auf der Nawen Mark bezeichnet, 1381 als „Nawmargk“. Während dieses Siedlungsterrain etwa 10ha umfaßt, war die Feldflur ca. 93 ha groß. Ein Fünftel davon wurde später an die Pfarrkirche Kohren verlehnt. Nur die am Rande des Weichbildes gelegenen Wiesen gehörten der Stadt.

Anfangs war diese Feldflur für die Burgbesatzung eine notwendige Voraussetzung für ihre Versorgung. Das erfahren wir 1469, als der Landesherr der Stadt Geithain diese Neumärker Flur einschließlich dem Freihof (der alten Burg) lehnsrechtlich überträgt. Sie war eine neue Mark, ebenso wie die Wehranlage, als sie angelegt wurde. Damals schon bestand die Straße von Lausick über die Höhen zur Neuen Mark und von dort weiter nach Rochlitz. Aus dem Croqui des Dorfes Nauenhain geht hervor, welche Gebiete links und rechts dieser Straße schon nach 1106 besiedelt wurden, während das Waldhufendorf „Neuer Hagen“ (Nauenhain) erst später gegründet wurde, vermutlich durch Dedo, weil er die Ortskirche als Filial von St.Nikolai einrichtete.

 

Die Nikolaikirche

Noch fehlen Grabungsergebnisse und –erkenntnisse der Archäologen auf dem Kirchhof, doch geben kunsthistorische Untersuchungen eine Reihe von Einzelheiten zur Baugeschichte preis. Dort wo die Holzkirche der Kaufleute gestanden haben mag, am westlichen Rand des (Geithainer) Höhenrückens, ließ Graf Dedo um 1171 eine romanische, dreischiffige Basilika durch Fachleute errichten, die er aus der Dombauhütte Goslar geholt hatte. Er besaß das „ius patronatus“ daran, es war seine Eigenkirche, welches später auf den Rat der Stadt überging.Um 1185 war der große Bau (38m lang und 18m breit) bis auf den Nordturm fertig. Er wurde dem Hl. Nikolaus geweiht, der örtlichen Kontinuität halber. Deshalb übergab Graf Dedo 1186 St.Marien, die ehemalige Eigenkirche der Wiprechtinger, in das Patronatsrecht des Archidiakons in Zschillen (dem Klosterprior, heute: Wechselburg). Man brauchte sie nicht mehr in Geithain, sie wurde Pfarrkirche für die Dörfer Wickershain und Narsdorf.

Es versteht sich, daß Graf Dedo ein solches großes Gebäude nicht im Wald errichten ließ, sondern aus einem persönlichen Interesse an diesem Bau für seine Neugründung des Marktortes, zugleich als dessen Pfarrkirche. Und wenn um 1170 ihr Bau begonnen wurde, dann war um diese Zeit die für den Marktort bestimmte Fläche längs gerodet, vermessen und mit dem Bau der Holzhäuser begonnen worden. Auch dies geschah mit Einsatz von erfahrenen Leuten aus den alten Siedelgebieten Hessens und des Niederrheins.

 

Die Wehranlage auf dem Neumarkt

Nur auf diesem Territorium um die Marienkirche herum werden Flachsabgaben in einer Zeit vor der Geldwirtschaft von einigen Wohngrundstücken erhoben. Sie werden von Handwerkern und Tagelöhnern bewohnt worden sein als Dienstmannen oder Hörigen der Burg. Mit diesen ältesten Lehnspflichten ist die kleine Siedlung um die Wehranlage nachgewiesen, die in der Fachwelt als Suburbium bezeichnet wird. Ein einziges Hofgrundstück bleibt von dieser alten Abgabe befreit (heute Dresdner Str. 44). Wie der topographische Schnitt durch das Gelände zeigt, befindet sich dieses Areal auf dem höchsten Punkt dieser Kleinsiedlung. Es darf deshalb als das Grundstück angesehen werden, auf dem Graf Wiprecht von Groitzsch nach 1106 eine weitere kleine Burg aus Palisaden mit Graben errichten ließ zur Festigung seines Territoriums von Lausick bis nach Zwickau.

Der zugehörige Wirtschaftshof ist der noch heute so genannte Ablasshof, der ebenso wie das Burggrundstück in den alten Landkarten zurück bis 1670 als Dreiseitenhöfe dargestellt werden. Dieses Gebiet war ursprünglich ein Allod, das Wiprecht eigen war, bis es später (1404) in Besitz der Markgrafen von Meißen gelangte (laut Urkunde des Bischofs Nikolaus von Merseburg ao. 1420).

 

Das „Weichbild“ Geithains

Aus dem alten Magdeburger Stadtrecht, das ihr Kaiser Otto III. 999 verlieh, und das dann vom Sachsenspiegel schriftlich übernommen wurde, wird die Bezeichnung „wichbilde“ als Stadtrechtsgrenze verwendet. Für Geithain ist dies bedeutsam, weil auch die Häuser der Burgsiedlung (suburbium) in diesen Rechtsbezirk des Marktortes einbezogen wurden, ohne sie jedoch auch in die Stadtbefestigung einzubeziehen. Dies war anfangs ein Palisadenwall aus Holz, auf einem aufgeschütteten Damm errichtet. Erst nach 1323 wurde der Bau einer steineren Stadtmauer begonnen und vor 1334 vollendet. Es ist leicht nachvollziehbar, welchen umfangreichen Material- und Transportaufwand (Ochsenkarren mit max. 1 t Ladung) die Stadt aufwenden mußte, um die 2.160m lange, oben 1,2m und unten 2,1m dicke sowie 4m hohe Steinmauer einschließlich der Türme und Tore herzustellen. Ein nur 21m langes Teilstück erforderte 107 Tonnen Porphyrsteine und 69 Tonnen Erdreichfüllung; die gesamte Mauer aber das Hundertfache!

Innerhalb dieser Stadtrechtsgrenze, die nicht mit dem Verlauf der Stadtmauer übereinstimmt, galt „geithnisch“ Recht, wie es noch 1508 in einer Stadtrechtsurkunde heißt. Anfangs war es begrenzt und wurde durch einen Vogt, später Schultheiß ausgeübt. Außerhalb der „Weichbildgrenze“ galt das Landrecht des Landesherrn, das vom Vogt, später Amtmann in Rochlitz wahrgenommen wurde. Als 1348 die Stadt dem herrn Friedrich von Schönburg verpfändet wurde, wird sie mit dem Gericht übergeben, doch die eigene, niedere Gerichtsbarkeit hat sie erst 1392 erlangt.

Plan der Stadt Geithain um 1140

Plan des Geithainer Höhenrückens um 1140

links im Plan:                                                                              rechts im Plan:
Altdorf: Kaufmannssiedlung im Westen                                     Neumarkt: Burgsiedlung im Osten
Saumpfade für Reit- und Lasttiere                                             runde Wehranlage mit Palisadenwall und Graben
Häuser im Eulabachtal am Hang                                                Wirtschaftshof mit Marienkirche

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Die wissenschaftlich-methodische Begründung der vorliegenden Berichte ist niedergelegt in dem Forschungsbericht

  „Dorf oder Markt ? Zur Entstehung westsächischer Ortschaften im 12. Jahrhundert, besonders von Geithain",

der im Juni 2006 auf der Jahrestagung des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz e.V. in Lomatsch von Dr. W. Reuter vorgetragen wurde und im Jahr 2010 als Buch erschienen ist.

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